Waldemar Herrmann


Waldemar Herrmann

Ich habe Waldemar zu seinen Lebzeiten nicht gekannt. Als wir heirateten, sein Sohn Jens und ich, war er schon seit 20 Jahren tot. Wenn Jens von ihm erzählte, hatte ich stets das Bild eines künstlerisch begabten, in seinem Beruf als Architekt erfolgreichen, jedoch einsamen Menschen vor Augen.

In unserem Haus in Köln stieß ich vor Jahren auf eine sehr schwere mit einem Frauenbild bemalte Steinplatte. Jens erzählte mir, daß der Schöpfer dieses Werks Lou Manche, ein holländischer Künstler und sehr guter Freund des Vaters, gewesen sei. Die Platte hatte wohl an Jens Elternhaus in Lüneburg angebracht werden sollen, was jedoch anscheinend niemals geschehen war. Es existiert ein Photo, das sie auf einem Sims in seinem Zimmer zeigt. Jens hatte nun die dicke, schwere Platte jahrelang über verschiedene Umzüge hinweg mit sich herumgeschleppt, bis sie schließlich in Köln gelandet war. Ich brachte diese Platte stets mit Waldemars Geist in Verbindung und hätte sie gern im Flur unseres Hauses gesehen. Aber anscheinend war es noch nicht an der Zeit, daß sich Waldemar wieder irgendwo niederlassen wollte; stets hielt uns irgend etwas davon ab, die Platte anzubringen. Nach mehreren Umzügen durch die Welt schlich sich in El Salvador ein neues Heim an uns heran, was wir jedoch selbst dann noch nicht bemerkt hatten, als uns ein Haus bereits in umfangreichste Renovierungsarbeiten verstrickt hatte. Waldemar wird wohl nur über uns gelacht haben; denn diesmal wollte er bleiben. Wir reisten nichts ahnend in die Ferien nach Deutschland. Dort gab er uns den letzten Schubs: innerhalb von vier Wochen war der gesamte Kölner Hausstand in Kisten verpackt und das Haus stand zum Verkauf. Als wir die Platte an unserem Hauseingang in San Salvador anbrachten, wußten wir, daß Waldemars Geist mit uns eingezogen war. Wir hießen ihn und er uns willkommen.

Petra


Todeserfahrung

Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das nicht mit uns teilt.
Wir haben keinen Grund, Bewunderung und Liebe oder Haß dem Tod zu zeigen,
den ein Maskenmund tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen, spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.
Doch als du gingst, da brach in diese Bühne ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt,
durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne, wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.
Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes hersagend und Gebärden dann und wann aufhebend;
aber dein von uns entferntes, aus unserm Stück entrücktes Dasein
kann uns manchmal überkommen wie ein Wissen von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so daß wir eine Weile hingerissen das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.

Rainer Maria Rilke

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